Ernährungsformen der Victoriasee Buntbarsche

Aktualisiert: 23. Sept.
Der See bietet viele unterschiedliche ökologische Nischen, wodurch es zu Spezialisierungen im Fressverhalten kam. Das Nahrungsnetz ist stark verzweigt, was es noch spannender macht. Dieser Beitrag basiert auf den Erkenntnissen von Witte, F. & M.J.P. van Oijen. Taxonomy, ecology and fishery of Lake Victoria haplochromine trophic groups, 1990. Der Fokus liegt auf den Cichliden im Victoria See, die Kategorien sind teilweise dehnbar.
Die bekannten Ernährungstypen:
Insektenfresser
Hauptsächlich werden Insekten und deren Entwicklungsstadien gefressen. Dazu gehören Larven und Puppen, beispielsweise von Chaoborus (Büschelmücken), Chironomiden (Zuckmücken) und Povilla adusta (eine Eintagsfliege), sowie ausgewachsene Insekten.
Daneben werden in unterschiedlichen Mengen zahlreiche andere Nahrungsquellen aufgenommen, darunter Zooplankton, Phytoplankton, Detritus, Mollusken, Fische und Garnelen.
Beispielarten: H. hiatus Hoogerhoud & Witte, 1981/ H. iris Hoogerhoud & Witte, 1981
Detritus- und Phytoplanktonfresser
Bodendetritus und Phytoplankton, darunter Kieselalgen (Diatomeen), Cyanobakterien („Blaualgen“) und wenige Grünalgen. Zusätzlich werden Insektenlarven gefressen.
Beispielart: H. erythrocephalu
Molluskenfresser
Molluscivoren ist eine Sammelbezeichnung für alle Arten, die sich von Weichtieren (Mollusken) ernähren, sowohl von Muscheln (Bivalvia) als auch von Schnecken (Gastropoda). Aufgrund ihres Fressverhaltens werden sie in zwei Gruppen unterteilt:
Pharyngeal crushers (Schlundkiefer-Knacker): Sie zerquetschen die Schale ihrer Beute mit ihren stark vergrößerten bzw. kräftig entwickelten Pharyngealkiefern (Schlundkiefern).
Beispielart: Astatoreochromis alluaudi Pellegrin, 1904
Oral shellers/crushers (Kiefer-Schäler/-Knacker): Sie benutzen ihre Mundkiefer, um entweder das weiche Körpergewebe aus der Schale herauszuziehen oder die Schale direkt zu zerbrechen.
Beispielart: Macropleurodus bicolor (Boulenger, 1906)
Algenfresser/abgraser
Alle Arten, die sich von festsitzenden Algen ernähren, werden zusammenfassend als Algenweider bezeichnet. Eine weitere Unterteilung erfolgt danach, auf welchem Untergrund die Algen wachsen. Epilithische Algenweider fressen Algen, die auf Steinen bzw. Felsen wachsen, während epiphytische Algenweider Algen von untergetauchten Wasserpflanzen abweiden.
Beispielart: H. nigricans (Boulenger, 1906)
Jungfisch- und Eifresser (Paedophagen)
Überwiegend werden Eier und Larven anderer haplochrominer Buntbarsche gefressen. Gelegentlich auch Zooplankton, Insektenlarven und -puppen, die Garnele Caridina nilotica, Detritus und Algen gefressen. Die Paedophagen des Victoriasees können anhand ihrer Strategie in zwei Gruppen unterteilt werden:
Snout-engulfers (Maulräuber): Sie greifen maulbrütende Weibchen an und saugen Eier oder Larven direkt aus deren Maul.
Egg-snatchers (Eierdiebe): Sie stehlen die Eier vom Untergrund, bevor das laichende Weibchen sie zur Brutpflege ins Maul aufnehmen kann.
Bsp: H. barbarae Greenwood, 1976
Pflanzenfresser
Beispielarten: H. phytophagus Greenwood, 1965/ H. acidens Greenwood, 196
Die Fische leben in flacheren Bereichen im Norden des Sees. Gewebe von Samenpflanzen (Phanerogamen) sowie auf den Pflanzen wachsende Kieselalgen (Diatomeen) und andere Algen. Bei H. acidens wurden zusätzlich Insektenreste und bei einem untersuchten Exemplar auch Fischreste gefunden.
Garnelenfresser
Die Fische haben in Relation zu anderen Arten auffällig große Augen.
Sie leben über schlammigem Gewässerboden in etwa 6–30 m Tiefe, vermutlich auch noch tiefer. Die meisten Arten sind wahrscheinlich benthisch, halten sich also überwiegend in Bodennähe auf. Einige Arten können sich zeitweise auch im Freiwasser aufhalten.
Beispielarten: H. melichrous Greenwood & Gee, 1969/ H. cryptogramm
Zooplanktonfresser
Zooplankton ist ein Sammelbegriff für kleine Organismen die in der Wassersäule in einem Gewässer vorkommen. Diese Spezialisten kommen im gesamten See vor, und in allen Wassertiefen. Bei vielen Arten besteht die Hauptnahrung tagsüber aus Zooplankton, insbesondere aus Cyclopoida (cyclopoiden Ruderfußkrebsen), Calanoida (calanoiden Ruderfußkrebsen) und Cladocera (Wasserflöhen) abhängig vom Licht. Nachts werden dagegen vor allem Larven und Puppen von Chaoborus (Büschelmücken) gefressen. In geringerem Umfang gehören auch Phytoplankton sowie Larven und Puppen von Chironomiden (Zuckmücken) zur Nahrung.
Beispielarten: H. laparogramma Greenwood & Gee, 1969/ H. piceatus Greenwood & Gee, 1969
Schuppenfresser
Schuppenfresser sind bodennah lebende (benthische) Arten, die über Schlamm-, Sand- und Felsböden in etwa 1–18 m Tiefe vorkommen. Die Nahrung besteht aus hauptsächlich Fischschuppen. Auch Kieselalgen (Diatomeen) und Gewebe von Samenpflanzen (Phanerogamen) stehen auf dem Speiseplan. Ab und zu werden auch Insekten gefressen.
Beispielart: H. welcommei
Parasitenfresser
Merkmale sind dicht stehende, ungleich zweispitzige Zähne (Bicuspiden). Der Darm ist ca. doppelt so lang wie bei anderen Gruppen. Der Speiseplan besteht hauptsächlich aus Fischläusen (Argulus und Dolops) und Egel (Helobdella). Zusätzlich werden geringe Mengen Zooplankton und Kieselalgen (Diatomeen) gefressen. Vermutlich entfernen diese Fische die Parasiten direkt von anderen Fischen, wahrscheinlich vor allem von Welsen.
Beispielarten: H. teunisrasi/ H. cnest
Krabbenfresser (crab eaters)
Diese Fische besitzen kräftige Zähne und deren Darm ist etwas länger als bei ähnlichen Gruppen. Die Süßwasserkrabbe Potamonautes niloticus stellt einen wichtigen Bestandteil der Nahrung dar. Zusätzlich werden junge haplochromine Buntbarsche, Garnelen und Insektenlarven gefressen.
Fischfresser
Alle Arten, die Fische oder Teile von Fischen fressen, werden zusammenfassend als Fischfresser im weiteren Sinne (Piscivoren s.l.) bezeichnet. Innerhalb dieser Gruppe gibt es verschiedene Spezialisierungen, die sich nach Jagdtechnik, Größe und Art der Beute oder danach unterscheiden, welcher Teil eines Fisches gefressen wird. Paedophagen sind Arten, die sich auf Eier und Embryonen haplochrominer Buntbarsche spezialisiert haben. H. welcommei ist noch spezieller: Diese Art ernährt sich von Schuppen anderer haplochrominer Buntbarsche und wird deshalb als Schuppenfresser bezeichnet.
Paedophagen und Schuppenfresser werden als eigene trophische Gruppen betrachtet und von den Fischfressern im engeren Sinne (Piscivoren s.s.) getrennt.
s.l. = sensu lato = im weiteren Sinnes.s. = sensu stricto = im engeren Sinne
Für das Artensterben im Victoriasee besonders wichtig: Die trophischen Gruppen waren unterschiedlich stark von Fischerei und Nilbarsch betroffen. Größere Arten wie Fisch- und Molluskenfresser gingen nach Beginn der Schleppnetzfischerei zuerst zurück. Flachwasserbewohner wie Algenfresser waren vom Nilbarsch vergleichsweise weniger betroffen, während bodenlebende Tiefwasserarten wie Garnelenfresser besonders stark betroffen waren.





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